Kinderarmut in Oberfranken

DIE UNSICHTBAREN

Zahlen haben Macht: Sie können den Betrachter freudig, betroffen oder wütend machen.

Eine Million vierhundertfünfundneunzigtausendvierhundertsechsundneunzig

Sieben Ziffern. Wo sie auftauchen, folgen ihnen Begriffe wie „Skandal“, „Schande“ oder „Armutszeugnis“. Doch ihre Kraft ist meist nur von kurzer Dauer. Nach einem kurzen Aufschrei des Bedauerns ist sie so macht-, weil folgenlos wie jede andere Zahl.

von Christian Weidinger, 31.03.2020

Kinderarmut in Oberfranken

DIE UNSICHTBAREN

von Christian Weidinger, 31.03.2020

Rund 1,5 Millionen Kinder beziehen derzeit in Deutschland Hartz IV.

Seit 2017 sank die Anzahl an Kinder, die Hartz IV beziehen um 3,1 Prozent.

37.250 Kinder weniger seit 2017.

In Wahrheit sind weit mehr Kinder  betroffen, als bisher angenommen.

Bürokratie &

    ihre Folgen

SLB, KOL, ELB und AUS. Addiert ergeben sie eine Summe von 43.000 Kinder. Versteckt hinter Bürokratie. Nahezu unsichtbar. Und doch sind sie da: Kinder, die nicht verstehen können, warum sich ihre Eltern vieles nicht leisten können. Einen vollen Kühlschrank, Kleidung, die nächste Klassenfahrt.

Eigentlich müsste von mindestens 1,95 Millionen Kindern die Rede sein, nimmt man Hartz IV als Gradmesser für Armut.

Sollten sie es denn beziehen. Falls nicht, werden sie in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit unter dem Kürzel KOL zusammengefasst. Kinder ohne Leistungsanspruch. „Minderjährige, die ihren individuellen Bedarf durch eigenes Einkommen decken können“.

Gemeint ist nicht der Nine-to-five-Job, sondern Kindergeld, Unterhalt oder Unterhaltsvorschuss. Diese werden mit dem Regelsatz des Kindes verrechnet. Die Folge: Das Kind fällt aus der Statistik. Gilt nicht mehr als arm. Schon wegen einem Euro mehr, der monatlich zur Verfügung steht.

Unsichtbar bleiben ebenfalls all jene, die in der Kategorie AUS aufgeführt sind. „Vom Leistungsbezug ausgeschlossene Personen“. Hierbei handelt es sich unter anderem um Kinder, die bereits andere Leistungen beziehen, wie zum Beispiel im Rahmen eines Asylverfahrens. Oder in einem Heim leben. Sie dürften hierdurch monatlich wohl kaum mehr Geld zur Verfügung haben, als Kinder mit eigenem Regelsatz. Und doch sind sie plötzlich nicht mehr arm – zumindest statistisch.

Auch das Alter spielt eine Rolle, ob ein Kind als arm gilt.  Immer noch minderjährig, aber über 14 Jahre, gilt ein Kind dem Sozialgesetzbuch nach als erwerbsfähig. Dies hat wiederum zur Folge, dass auch die 15 bis 17-Jährigen in der Diskussion um Kinderarmut meist keine Rolle spielen.

Bleibt noch die Kategorie der „sonstig Leistungsberechtigten“ (SLB). In dieser werden jene Personen erfasst, die kleinere Geldleistungen, wie etwa aus dem Bildungspaket oder im Rahmen einer Bedarfsgemeinschaft erhalten. Auch sie werden nicht berücksichtigt, wenn von 1,5 Millionen armen Kindern die Rede ist.

Kinderarmut
Kinderarmut
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Kinderarmut
Kinderarmut
Kinderarmut

Zahlen, die 

    die Welt bedeuten

Andere sprechen von drei Millionen. So viele Kinder beziehen derzeit in Deutschland insgesamt Sozialleistungen. Diese Zahl umfasst daher auch Familien, die Wohngeld, Kinderzuschlag oder aufstockende Leistungen erhalten. Hartz IV als einziges Kriterium für Kinderarmut zu verwenden, greift demnach deutlich zu kurz.

Nach einer Berechnung des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) aus dem Jahre 2018 könnte die Dunkelziffer noch einmal höher liegen. Auf Grundlage einer kleinen Anfrage von Bündnis 90 / Die Grünen stellt dieser fest, dass aufstockende Leistungen nur von 50 Prozent der erwerbstätigen Elternteile in Anspruch genommen werden. 

Dies würde eine weitere Erhöhung um 850.000 Kinder bedeuten, die bisher nicht als arm galten. Viele erwerbslose Eltern würden ebenfalls keinerlei aufstockende Leistungen in Anspruch nehmen, dies beträfe weitere 190.000 Kinder.  

Auch der Kinderzuschlag würde nur zu 30 bis 40 Prozent beantragt, so das Bundesfamilienministerium im Familienreport 2017. Das Ergebnis: Weitere 350.000 arme Kinder – verschwunden aus dem Blick der Öffentlichkeit. 

Warum nehmen so viele Eltern keine Sozialleistungen in Anspruch, obwohl ihnen diese zustehen würden?  Heinz Hilgers, DKSB-Präsident: „Oft liegt es daran, dass die Eltern mit den bürokratischen Abläufen überfordert sind oder sich schlichtweg dafür schämen“.

Insgesamt geht der DKSB also von 4,4 Millionen Kindern in Deutschland aus, die als arm anzusehen sind. Vier Million vierhundertausend Kinder. Selbstredend handelt es sich hierbei lediglich um einen Schätzwert. Statistisch gesehen bleibt eine gewisse Unklarheit, so beispielsweise bei Eltern, die weder messbares Einkommen, noch Sozialleistungen beziehen. Das sprichwörtliche Raster.  

Eines kann jedoch als sicher gelten: Es sind deutlich mehr Kinder von Armut betroffen, als bislang bekannt. Man könnte auch sagen: Armut hat viele Gesichter. Wäre es nicht abgedroschen. Oder würde irgendetwas an der Situation ändern.

Was heißt schon arm?

Es heißt, hierzulande gäbe es keine Armut. Nicht wirklich. Im Notfall, wenn alle Stricke reißen und der Arbeitsplatz verloren geht, gäbe es ja immer noch Hartz IV. Ein gut ausgebautes Sozialsystem, andere würden uns um dieses beneiden. 

Tatsächlich verspricht dies das Gesetz zur Einführung von Hartz IV. Grundsicherung. Schutz des gesetzlichen Existenzminimums. Doch wie gesichert kann eine Existenz sein, wenn ihr 250 Euro monatlich zur Verfügung steht?

Dies ist der Betrag, den Eltern nach dem aktuellen Regelsatz monatlich für ihr Kind zur Verfügung haben. Jedenfalls zwischen null und fünf Jahren. Wird es älter, wächst mit ihm auch die Summe, die monatlich zur Verfügung steht. Bis zu 328 Euro erhalten Eltern, deren Kind mit ihnen in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft lebt.

Dies allerdings nur, wenn das Kind im Alter von 15 Jahren noch zur Schule geht oder aus anderen Gründen „dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht“. Ab diesem Alter gilt ein Kind als erwerbsfähig, was heißt, es muss sich von nun an selbst um seine Existenz kümmern. Zumindest in finanzieller Hinsicht, in allen anderen Belangen bleibt es Kind. Bis es 18 Jahre alt ist.

Eine Zahl vermag es nicht darüber Auskunft zu geben, was es heißt, arm zu sein. Sie kann nicht das Gefühl vermitteln, hungrig zu sein. Verschlissene Kleidung von seinen Geschwistern zu tragen. Nicht an der Klassenfahrt teilnehmen zu können, weil der Ausflug zu teuer ist.

Dennoch erlaubt sie einen kleinen Einblick, was es heißt, als Kind von Hartz IV zu leben.

Alles außer Alkohol

Zwei Euro zweiundneunzig. Dies ist der Betrag, den eine Familie für ihr zweijähriges Kind täglich zur Verfügung hat. Jedenfalls für „Nahrungsmittel und nichtalkoholische Getränke“. 

Angesichts der Steigerung der Lebensmittelpreise nur schwer vorstellbar, wie hiervon eine ausgewogene und gesunde Ernährung möglich ist. Muss sie auch nicht. Zumindest nicht auf Grundlage der Einkommens- und Verbraucherstichprobe, welche alle fünf Jahre durchgeführt wird. 

Die Ergebnisse dieser Stichprobe sind ausschlaggebend für die Berechnung der Tagessätze, aus denen sich die monatlichen Regelsätze berechnen. Zumindest die unteren 20 Prozent der Befragung. Denn allein diese werden zur Berechnung herangezogen, um zu bemessen, wie viel ein Kind täglich in einem bestimmten Lebensbereich benötigt. Es ließen sich noch andere Zahlen, Beträge, Tagessätze aufzählen, die vielleicht ein Gefühl dafür vermitteln, wie schwer es mitunter sein kann, ein Kind unter diesen Bedingungen aufzuziehen.

Ein Euro vierundsechzig, der tägliche Betrag für „Freizeit, Unterhaltung und Kultur“ für ein siebenjähriges Kind. Ein Euro zweiundfünfzig für Bekleidung und Schuhe. Fünfundfünfzig Cent für Bildung, pro Monat wohlgemerkt.

Im Zweifelsfall würde es nichts an der Ansicht ändern, diese Beträge seien mehr als ausreichend.

Linke Tasche, rechte Tasche

Dies mag auch damit in Zusammenhang stehen, dass in schöner Regelmäßigkeit und öffentlich wirksam Verbesserungen für Kinder und Familien verkündet werden. 

Erhöhung des Kindergelds. Familiengeld. Elterngeld. Kinderzuschlag. Jede dieser Leistungen hilft Familien dabei, das Wohlergehen von Kindern dauerhaft zu sichern. Nur nicht jenen, die oftmals am dringendsten darauf angewiesen sind.

Denn sie werden entsprechend angerechnet. Hundertprozentig. Auf diese Weise kommt bereits ein dreijähriges Kind zu einem Einkommen, das es bei staatlicher Stelle zu vermelden gilt. Und das ohne einen Tag Arbeit. 

Die Folge: eine gesetzliche Ungleichbehandlung, die eine Reihe ethischer Fragen aufwirft – oder es zumindest sollte: 

Welche Familien haben finanzielle Unterstützung am nötigsten? Bedürfen nicht gerade diejenigen zusätzliche Hilfestellung, die ohnehin am Existenzminimum leben? Ist es gerecht, dass während bei Hartz IV zusätzliche Leistungen angerechnet, diese ansonsten unabhängig vom Einkommen der Eltern in voller Höhe ausbezahlt werden?

Doch fragen hilft wenig, wenn man nicht weiß, wie man den nächsten Einkauf finanzieren soll. Gut, dass es auch Situationen gibt, an denen am Ende tatsächlich etwas mehr auf dem Konto ist. 

So wie im Fall eines bewilligten Mehrbedarfs. Hierzu muss es sich allerdings um eine Familie handeln, bei der ein Elternteil die Kinder alleine erzieht.

Anzahl der KinderProzent von ALG II RegelsatzBei Regelbedarf von 424 € (Stand: 01.01.2020)
Ein bis drei Kinder unter 7 Jahren36 %152,64 €
Ein Kind über 7 Jahre12 %50,88 €
Zwei Kinder unter 16 Jahre36 %152,64 €
Zwei Kinder über 16 Jahre24 %101,76 €
Ein Kind über 7 und ein Kind über 16 Jahre24 %101,76 €
Drei Kinder36 %152,64 €
Vier Kinder48 %203,52 €
Ab fünf Kinder60 %254,40 €

Alleinerziehende gehören zu der Gruppe mit dem höchsten Armutsrisiko. 34 Prozent von ihnen sind auf Sozialleistungen, wie ALG 2 oder sogenannte aufstockende Leistungen angewiesen. Über 90 Prozent von ihnen sind weiblich. 

Trotz erschwerter Lage machen Alleinerziehende laut Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes derzeit nur zu 41 Prozent  Mehrbedarf geltend. 

Übrigens: Entgegen des Vorurteils, gerade Familien mit geringem Einkommen und Status hätten oft besonders viele Kinder, erziehen sie mit 51,1 Prozent mehrheitlich nur ein Kind. 

Von allem

   zu wenig

Siebenundachtzig Euro dreiundsechzig. Das sind 2,92 Euro pro Tag, die eine Familie nach dem aktuellen Hartz IV Regelsatz für ein fünfjähriges Kind für Lebensmittel zur Verfügung hat. 

Ein Jahr später sind es 4,15 Euro. Immerhin. Dass es  damit auch nicht einfach ist, sein Kind ausgewogen –  oder wenigstens ausreichend – zu ernähren, zeigt die Bilanz der Tafel. 

Ein Drittel der Kunden sind mittlerweile Kinder und Jugendliche. Ihre Anzahl ist alleine im Jahr 2019 um 10 Prozent gestiegen. Tendenz: weiter steigend. Damit stellen sie zusammen mit Senioren die häufigste Gruppe dar, die regelmäßig auf die Unterstützung der Tafel angewiesen ist. 

Kinderarmut
Elfriede Höhn wartet auf den Ansturm der Kunden in der Kulmbacher Tafel

Für manche Lebensmittelgeschäfte sind wir die Abfallentsorgung schlechthin

Elfriede Höhn
Elfriede Höhn, Leiterin der Kulmbacher Tafel und ihre bis zu 60 ehrenamtlichen Mitarbeiter verteilen zweimal wöchentlich Nahrungsmittel an Bedürftige. Bedarf besteht: Bis zu 70 Kunden kommen pro Öffnungstag, manchmal auch doppelt so viele. Unter ihnen alle Altersgruppen und Nationalitäten. Alleinstehende, Alleinerziehende, Alleingelassene. Um dies zu ermöglichen, holen ehrenamtliche Fahrer nicht verkaufte Lebensmittel bei Lebensmittelgeschäften, Bäckern und Metzgereien in der Umgebung ab. „Einfahren“ nennen sie dies.  Die Qualität der gespendeten Lebensmittel schwankt indes, wie Höhn immer öfter feststellt: „Für manche Lebensmittelgeschäfte sind wir die Abfallentsorgung schlechthin“. Das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen, das Gemüse verwelkt, die Brötchen altbacken, es gibt viele Gründe, warum nicht alle Lebensmittel auch tatsächlich an Bedürftige verteilt werden können. Die Folge: Nicht alles ist zu jeder Zeit verfügbar. „Einkaufen mit Einkaufszettel funktioniert bei uns nicht“, sagt sie. Dennoch achte sie mit ihren Mitarbeitern darauf, dass alle Kunden sich die Lebensmittel selbst aussuchen können. „Ansonsten landet es ohnehin gleich im Müll“, so das Fazit. Besonders beliebt: Weißbrot oder Süßigkeiten. Körnerbrot bleibt hingegen öfters liegen.

Das erste Mal

Auch Familien kommen regelmäßig zu den Kulmbacher Tafeln. Meist sind es Mütter mit kleinen Kindern an der Hand. Väter sieht man nur wenige. Für alle spielt Scham eine große Rolle. Zumindest die ersten Male. Sie gewöhnen sich schnell an das Stigma, das mit ihrer Bedürftigkeit einhergeht. Was bleibt auch anderes übrig, anders kommen sie nicht über die Runden. Karin Koller, sie engagiert sich ebenfalls ehrenamtlich bei der Tafel, erzählt von einer jungen Frau. Diese kam eines Tages weinend, mit den Nerven am Ende zum Laden in der Blaicher Straße. Eine Freundin musste sie begleiten, ermutigen, nicht wieder kehrt zu machen. Doch sie braucht günstige Lebensmittel, für sich und ihre Kinder. Sie besucht die Lebensmittelausgabe an diesem Tag. Kehrt mit zwei vollen Taschen zu ihren Kindern zurück. Kommt nie wieder. Ihre Familie hatte sie unter Druck gesetzt. „Wenn du zur Tafel gehst, dann gehörst du nicht mehr zu unserer Familie“ haben sie zu ihr gesagt. Ob sie und ihre Kinder inzwischen ohne die Hilfe der Tafel auskommen, kann niemand sagen.

Sozialer Kit(sch)

Soziologen fordern hingegen, die Tafeln abzuschaffen. Sie würden durch ihre Tätigkeit das tatsächliche Ausmaß von Armut kaschieren. Abhängig machen, statt echte Hilfe zu bieten. So entstehe ein „privates Almosensystem“, welches die Leute beschäme, anstatt sie zu befähigen, wie der Soziologe Stefan Selke in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erläutert.

Innerhalb des Netzwerkes von bundesweit 949 Tafeln habe sich eine Eigendynamik entwickelt, so Selke weiter, bei der es eher um den eigenen Erfolg ginge, als nachhaltig zu helfen. Hilfe verkomme so zu „sozialen Kitsch“, der Hilfebedürftigen nicht weiterhelfe, sondern zu gut gemeinter Symbolik verkomme.

Die Hilfe komme zudem nicht an, wie er weiter feststellt. Auf jeden Kunden, der die wöchentliche Lebensmittelausgabe besucht, würden zehn kommen, die dies aus Scham unterlassen. Bei 1,6 Millionen Kunden, die nach Angabe des Bundesverbandes der Tafeln jährlich ihr Angebot in Anspruch nehmen, ergäbe dies 16 Millionen Menschen.

Kern der Kritik: Durch ihre Tätigkeit würden die Tafeln dem Druck von der Politik nehmen, eine Grundsicherung zu entwickeln, die tatsächlich „armutssicher“ sei. Die Tafeln würden so selbst zu einem Teil der „Hartz-IV-Ökonomie“, da sie Armut hinnehmen, anstatt sie effektiv zu bekämpfen.

Kinderarmut
Mitarbeiterin Ferhat verteilt Lebensmittel an eine Kundin
Kinderarmut
Büro, Reinigung und Verkauf - alles auf engstem Raum

Armut existiert ja nicht bei uns.

Elfriede Höhn

Toter Winkel

Es scheint beinahe, als sollten die Soziologen recht behalten. Trotz steigender Zahl an Menschen, die wöchentlich in die Räume der Tafel drängen, sieht Höhn das Thema Armut aktuell nicht auf der politischen Agenda. „Armut existiert ja nicht bei uns“, sagt sie. 

Auch mangle es oft an der Unterstützung des Landkreises. Gut, dass die Tafeln sich schon früh ein eigenes Netzwerk aufgebaut haben. Sie organisieren sich via WhatsApp, bauten schon früh eigene Warenlager in Feucht, Regensburg, Schwandorf, Vilshofen und Regensburg auf und sind untereinander bestens vernetzt.  

Politiker selbst lassen sich nur selten vor Ort blicken, sagt Höhn. Oft geschehe dies nur zu besonderen Anlässen, wie etwa damals zur Eröffnung. Ein Erlebnis blieb ihr besonders in Gedächtnis. 

Ein lokaler Politiker rief im Vorfeld bei Höhn an und erkundigte sich, ob denn schon jemand aus der Politik zugesagt hätte. Nein, dies sei nicht der Fall. Würde er denn namentlich genannt, falls er es terminlich einrichten könnte. 

Höhn: Das sei eigentlich nicht geplant, schließlich ginge es in erster Linie um die Kunden und ehrenamtlichen Helfer. Resultat: Der Politiker kam vorbei, Höhn nannte artig seinen Namen.

Auch sonst haben die Mitarbeiter der Tafel durch ihre Erfahrungen einen eigenen Blick auf Politik und Gesellschaft. „Man sollte in einer so reichen Gesellschaft generell weniger werten“ sagt Joachim V. ein ehrenamtlicher Fahrer der Tafel. 

Schließlich werde der Reichtum auch von Menschen erwirtschaftet, die irgendwann den Druck nicht mehr standhalten und später selbst Hilfe benötigen. Man sehe es den Kunden schließlich nicht an, welchen Beruf sie einmal ausgeübt haben.

Kinderarmut
Vom Alltag gezeichnet -

Futterneid

COVID-19. Der Virus und seine Verbreitung stellt die Welt vor Herausforderungen bislang unbekannten Ausmaßes. 

Gesundheitssysteme, weil nicht sicher ist, ob sie einen sprunghaften Anstieg von Neuinfektionen auffangen können. Regierungen, die nicht wissen, welche Schutzmaßnahmen zu treffen, Regeln zu verschärfen, Schlüsse zu ziehen sind. Volkswirtschaften, die sich einem weltweiten Konjunktureinbruch gegenübersehen. Armut geht hingegen unter, begraben unter der Flut an neuen Informationen, die täglich auf uns einprasseln.

Dabei sind es gerade Menschen am Existenzminimum, die besonders betroffen sind. Für sie stellt es keine Erleichterung dar, dass sie nun leichteren Zugang zu Hartz-IV bekommen sollen. Sie beziehen es schon. Seit Jahren. 

Für sie kommt kein Zuschuss, keine Steuerstundung, kein zinsloser Kredit in Frage. Weil sie weder ein Geschäft, noch ein Unternehmen oder ein reguläres Arbeitsverhältnis haben. Für sie ist allein der tägliche Lebensmitteleinkauf schon ein Problem. Jetzt noch mehr als sonst.

Die Folgen der Krise

Nudeln. Mehl. Hefe. Linsen. Reis. Alles ausverkauft. Regale: leergefegt. Was für viele Menschen derzeit ein lästiges aber durchaus verkraftbares Problem darstellt, ist für Menschen, die ohnehin kaum wissen, wie sie den nächsten Einkauf bezahlen sollen, ein echtes Problem. Sie sind darauf angewiesen, sich günstig zu ernähren.  Qualität und Herkunft ist dabei zweitrangig. Nicht, weil sie sparen wollen. Weil sie es müssen.

Um so schwieriger ist es, wenn es gerade die kostengünstigen Varianten sind, die derzeit aus den Regalen verschwinden. Möglich, dass vieles davon nicht konsumiert werden wird. Im Müll landet. 

Unter anderen Umständen kommt es vor, dass Lebensmittel, die nicht mehr benötigt werden, gespendet und verteilt werden. An die Tafel. Was aber, wenn nichts mehr übrig ist, dass verteilt werden kann? Wenn sogar Lebensmittel, die unter anderen Umständen niemand auch nur mit spitzen Fingern anfassen würde, jetzt den Lebensmittelhändlern aus den Händen gerissen werden? Die Antwort ist so schlicht, wie folgenreich: Es wird nichts mehr verteilt.

Der Bundesverband der Tafeln stellt in einer aktuellen Pressemitteilung einen erheblichen Rückgang von Lebensmitteln fest. Zudem mussten bereits zahlreiche Tafeln in ganz Deutschland schließen, da es hauptsächlich ältere Mitarbeiter sind, die die wöchentliche Ausgabe organisieren. 

Viele könnten davon nach der Corona-Krise nicht wieder öffnen, wenn man bedenkt, dass auch sie, eigentlich kein Wirtschaftsunternehmen, auf Spenden und zumindest einen symbolischen Betrag von ein bis zwei Euro pro Kauf angewiesen sind.

Möglich, dass das Gedankenspiel von Selke schon bald auf die Probe gestellt werden wird. Nicht, weil die Tafeln aus politischem Kalkül ihren Betrieb einstellen. Sondern, weil sie die Krise nicht überstehen. Bleibt abzuwarten, ob sich dadurch auch ein armutssicheres Hilfesystem ohne Abhängigkeit, ohne aufgezwungene Demut entsteht. Bis dahin heißt es: Früh aufstehen, anstellen, hoffen, dass noch genügend bezahlbare Lebensmittel in den Regalen steht. Oder: hungern.

Kinderarmut

Kommentar

Christian Weidinger (Autor)

Vor einigen Tagen wollte ich nach der Arbeit nur noch schnell ein Brot kaufen. Eigentlich nichts Besonderes, trotz Corona. Sollte man meinen. Nachdem ich in sage und schreibe drei Läden war, habe ich gerade noch mit Mühe und Not ein industriell gefertigtes, in Plastik verschweißtes postkapitalistisches Broterzeungis überhaupt in die Hand genommen habe. Seit langer Zeit.

Fleisch, Nudeln, Milch, Fisch, Toast, Brot, Tomatensoße, Tiefkühlpizzen – und natürlich Toilettenpapier. Alles ausverkauft. Als gäbe es kein Morgen. Doch den gibt es. Auch morgen werden Bäcker, Metzgereien, Discounter, wie Lidl, Aldi, Rewe, Kaufland, Netto, Norma und Diska öffnen. Es gab, gibt und wird keinen Engpass geben. Brot wird gebacken, Wurst geschnitten und Regale aufgefüllt werden.

Viele verunsichert. Haben Angst. Vielleicht sogar Panik, sie könnten sich und ihre Nächsten mit dem Coronavirus infizieren. Manche mögen sich auch vor noch drastischeren Ausgangssperren, ja vor einer unkontrollierbaren Eskalation fürchten. Das ist, zumindest in gewissen Grenzen, verständlich. Menschlich.

Schwer verständlich hingegen, dass es so viele Menschen gibt, die wenige bis gar keine Gedanken daran verschwenden, was ihre Panikkäufe für die Schwächsten in unserer Gesellschaft haben. Die Alten. Die Schwachen. Die Armen. Nein, sie können nicht schon morgens um sieben vor den Ladentüren ausharren, nur um erste zu sein. Sie können es sich nicht leisten, alles fünffach zu kaufen – sicher ist sicher. Sie können nicht alternativ zu den teuren Marken- oder Luxusprodukten greifen, welche die hamstergesinnten Massen aus Geiz oder noch rudimentär vorhandenem Sparbewußtsein übriggelassen haben. Sie sind auf günstige Grundnahrungsmittel angewiesen: Der ältere Herr von nebenan, der chronisch Kranke mit Erwerbsminderungsrente, die arme Familie aus dem ersten Stock.

Ich kann notfalls mit dem Chemiebrot leben. Kann es mir notfalls auch leisten, zu teuren Produkten zu greifen, die unter anderen Umständen nicht in meinen Einkaufswagen landen würden. Ich kann notfalls auch bis zum nächsten Tag warten, notfalls auch zum nächsten Geschäft fahren. Viele andere können dies nicht.

Gerade an diese Menschen sollte, nein muss in Zeiten der Krise gedacht werden. Viele von ihnen sind gerade jetzt darauf angewiesen, dass ausreichend Lebensmittel vorhanden sind, die sie sich leisten können. Kaufen sie also nur soviel ein, wie sie tatsächlich zum Leben brauchen. Nehmen sie Rücksicht. Und, sollten sie in anfänglicher Sorge doch bereits zu viel eingekauft haben, werfen sie noch verwendbare Lebensmittel nicht weg. Spenden sie sie! An die Tafel, oder an den alten Herren von nebenan. An den chronisch Kranken. An die arme Familie aus dem ersten Stock.

Legen sie sich einen kleinen Vorrat an, wenn dies sie nachts besser schlafen lässt. Aber hören sie auf, die Regale leer zu kaufen. Seien sie sicher: Ihre Mitmenschen – und letztlich auch ihr Blutdruck – wird es ihnen danken. Die Krise wird vorbeigehen. Und Menschen am Existenzminimum werden auch danach noch ihrer Solidarität bedürfen. Denken sie daran, wenn sie das nächste Mal morgens um Sieben zum Einkaufen fahren.

Kinderarmut

       in Oberfraken

Oberfranken gilt von jeher als „Sorgenkind“, zumindest im Vergleich zum wirtschafts- und einkommensstarken Süden. Es liegt daher nahe anzunehmen, dass sich die Strukturschwäche mancherorts auch auf die finanzielle Situation von Familien auswirkt. Wenn auch nicht wissenschaftlich gesichert, so legen die Ergebnisse zumindest einen gewissen Zusammenhang nahe.

Trauriger Spitzenreiter ist das Stadtgebiet Hof. Laut aktuellen Zahlen bezogen dort im Oktober 2019 insgesamt 1520 Kinder bis 14 Jahre Hartz IV. Das entspricht einer Quote von 25,94 Prozent. Die geringste städtische Quote weist Bamberg mit 6,64 Prozent (829 Kinder) auf. Bei den Landkreisen liegen Bamberg (3,08 Prozent) und Bayreuth (3 Prozent) nahezu gleichauf. Hier stellt der Landkreis Wunsiedel mit 11,58 Prozent die höchste Rate an Kindern bis 14 Jahren.

Verglichen mit der Quote für Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahre fällt auf, dass nur eine geringe Abweichung zu den Jüngeren erkennbar ist. Allenfalls in Coburg ist eine leichte Abweichung in Höhe von 1,25 Prozent zu verzeichnen. Nicht auszuschließen, dass diese Abweichung mit unterschiedlichen statistischen Einheiten im Zusammenhang steht. Während es sich bei  bei Kindern bis 14 Jahre um Monatszahlen handelt, sind für Kinder unter 18 Jahre nur Jahreszahlen ausgewiesen.  

Poor & the city

Armut in der Stadt  – das ist kein fränkisches Phänomen. Gerade dort, wo wenig Platz vorhanden, Mieten teuer und Arbeitsplätze Mangelware sind, leben viele Menschen am Existenzminimum. Oft auch deutlich darunter. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Großen Einfluss dürfte der Wohnungsmangel, gerade in Metropolen wie München, Frankfurt oder Berlin ausüben. Steigende Mieten, ausgelöst durch Immobilienspekulation und den zunehmenden Verkauf von sozialen Wohnungsbaugesellschaften verdrängen gerade Menschen mit niedrigem Einkommen zunehmend an die Ränder. Gerade für Familien wird dies zunehmend zu einem existenziellen Dilemma, denn sie brauchen Platz. Platz, den sie nicht bezahlen können. Die Folge ist eine zunehmende Verschärfung der finanziellen Situation, die Wahl zwischen Platz- und finanzieller Not.

Dies belegen auch die Zahlen. Während im bundesdeutschen Durchschnitt im Jahr 2016 10,1 Prozent der Menschen auf Sozialleistungen angewiesen waren, waren es in den Großstädten 14 Prozent, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung belegt. Die Quote hat sich dabei in den letzten zehn Jahren kaum zum Positiven entwickelt: Bei 66 Prozent der Kommunen ist der Anteil an Sozialleistungsempfängern gestiegen oder blieb unverändert. Vor allem das Ruhrgebiet mit seiner fatalen Abhängigkeit vom Kohlebergbau ist dabei besonders betroffen. 13,2 Prozent Arbeitslosigkeit in Gelsenkirchen,  10,1 Prozent in Oberhausen, 10 Prozent in Duisburg, so die aktuellen Zahlen vom Februar 2020. Noch höher sind die Zahlen in den großen Metropolen: Berlin (20 Prozent), Hamburg , Köln & Frankfurt am Main (jeweils 14 Prozent). Der Anteil an Kindern, die unter derart ungünstigen strukturellen und sozialen Bedingungen aufwachsen müssen, dürfte kaum darunter liegen.

Blick über den Tellerrand

Ein Vergleich genannter Metropolen – Sehnsuchtsort und Moloch zugleich – mit den Städten Bamberg, Bayreuth oder Coburg wäre an dieser Stelle selbstredend wenig zielführend. Doch wie verhalten sich diese zu anderen Städten in Bayern? 

StadtSGB-II-Quote Kinder bis 14 Jahre
Würzburg21,91 Prozent
Ingolstadt15,70 Prozent
Nürnberg26,54 Prozent
Erlangen14,45 Prozent
Passau21,40 Prozent
München18,75 Prozent
Aschaffenburg30 Prozent

Das Offensichtliche ist schnell zusammengefasst: Je weiter südlich in Bayern, desto geringer ist der Anteil an Kindern in Bedarfsgemeinschaften unter 15 Jahren, die ALG II beziehen. Den niedrigsten Wert im Querschnitt weist dabei Erlangen mit 14,45 Prozent auf. Überraschend hingegen, dass gerade die Stadt München, die gerade für ihre horrend hohen Mieten bekannt ist, mit 18,75 Prozent nur im Mittelfeld liegt. Dies könnte auch mit dem überdurchschnittlich hohen Anteil an gut bezahlten Arbeitsplätzen, sicheren Stellen und guter Infrastruktur in Zusammenhang stehen.

Aschaffenburg hingegen ist mit 30 Prozent die Stadt mit dem höchsten Wert in der Stichprobe. Auch hier dürften Mängel in der Infrastruktur und mangelnde berufliche Perspektiven einen entscheidenden Einfluss auf die hohe ALG-II-Quote haben.

Im Vergleich sind die Zahlen von Kulmbach mit 5,75 Prozent, Bamberg mit 6,64 Prozent, und Coburg mit 12,74 Prozent also im Vergleich zu anderen Städten in Bayern demnach noch verhältnismäßig niedrig. Wobei natürlich zu berücksichtigen ist, dass die im Vergleich herangezogenen Städte einen teils deutlich höheren Bevölkerungsanteil haben, was in diesem Zusammenhang auch zu einem Anstieg von sozialen Problemen in diesen führt.

Zu Besuch im Scherbenviertel

Wer nicht hier wohnt, hat nur selten einen Grund, sich in diese Gegend zu verirren. Meistens bleiben bei der Durchfahrt nur die Berge an gelben Säcken im Gedächtnis, die sich über mehrere Häuserblöcke hinweg vor den Hauseingängen türmen. 

Mit den kaputten Möbelstücken, leeren Einkaufswägen, und den Wodkaflaschen zeugen sie schon von weitem davon, was es bedeutet hier zu wohnen. Manchmal hat Armut eine Adresse. Hier lautet sie: Menzelplatz, Bayreuther Altstadt. Mitten im Scherbenviertel.

Tanja Draht lebt  seit über 20 Jahre in dieser Gegend. Im Gegensatz zu den meisten anderen könnte sie auch wo anders wohnen. Die Menschen in ihrer Gegend sagen über sie: „Zur Tanja kannst schon gehen, wenn mal was ist. Die Tanja passt schon“. 

Draht ist Streetworkerin und kümmert sich zusammen mit dem Verein Treff e.V. um benachteiligte Kinder aus der Gegend. Eine Gegend, in der Armut, Langeweile und Hoffnungslosigkeit eine gefährliche Mischung ergeben. „Sie glauben gar nicht, was hier manchmal los ist“ antwortet Draht auf die Frage, wie sie das Viertel charakterisieren würde. „Es kam auch schon mal die Polizei mit Drogenhund. Da haben sie dann alles ausgeräumt“.

 

Kein Wunder. Drogen, Alkohol und andere Suchtmittel sind meist dort im Überfluss vorhanden, wo es an allem anderen mangelt. Auch die Bayreuther Altstadt ist da keine Ausnahme. In ihrer Arbeit lernte Draht bereits früh  Jugendliche kennen, die schon im Alter von 13 Jahren exzessiv Crystal Speed konsumierten. 

Schon mittags kommen Jugendliche alkoholisiert in den Treffpunkt. Grund hierfür sei die Perspektivlosigkeit, mit der die Kinder aufwachsen: „Da gibt es keinen Tagesablauf mehr. Die hängen einfach ab, keinen Bock, kein Ziel vor Augen“.

 

Durch Mangel an Zuwendung und positiven Vorbildern haltlos geworden, wirkt sich dies auf das Sozialverhalten aus. „Die haben keine Regeln, keine Werte, keine Normen mehr. Es ist kein Respekt mehr da“, sagt Draht. 

Doch woher sollten sie auch gelernt haben, wie man sich außerhalb der Altstadt verhält? Einmal Altstadt, immer Altstadt. Für die meisten von ihnen ist dies kein Ausdruck von Heimatgefühl, es ist schlichtweg Realität. 

Das bestätigt auch Draht, die viele Mütter noch aus ihrer eigenen Jugend kennt. „Die Mamas die ich kenne, die waren selber als Jugendliche hier. Das sind inzwischen 20 Jahre, das ist eigentlich schon ein Generationenwechsel“. 

Häufig würden diese wenig oder gar nicht arbeiten, so die Streetworkerin weiter. Manche davon hätten die Kurve gekriegt, andere würden hingegen auch öfter einmal im Gefängnis landen.

 

Hoffnungslosigkeit macht bescheiden. Dies gilt nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für Draht, die sich angesichts der schwierigen Lage schon über kleine Erfolge freut: „Es ist wirklich bewundernswert, dass die Kinder überhaupt aufstehen. Die gehen in die Schule. Gott sei Dank!“.

Schweres 

  Erbe

Ob der regelmäßige Schulbesuch alleine genügt, um später einmal in eine andere Gegen zu ziehen ist ungewiss, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung nahelegt. Demnach entscheiden vor allem die  Einkommensverhältnisse in der Kindheit über die spätere Einkommenslage.  

Ein Wechsel ist möglich, aber unwahrscheinlich, so die Forscher. Anders gesagt: Wer in seiner Kindheit Armut erlebt, wird sich auch als Erwachsener nur schwer von dieser lösen können.

 

Mit verantwortlich könnte die geringe Durchlässigkeit des Bildungssystems sein. Trotz Bildungspaket, Mehrbedarf und anderer halbherziger Versuche, entscheidet noch immer der Bildungsstand über arm oder reich. 

Laut Eurostat befindet sich Deutschland in den Top Ten der Länder, in denen Bildung arm macht. Zumindest dann, wenn man keinen Zugang zu dieser bekommt. 

60,9 Prozent der Kinder mit niedrigem Bildungsstand erleben in Deutschland demnach dauerhaft oder wiederkehrende Armut. In Polen oder Portugal liegt die Quote bei 22,7 bzw. 34,4 Prozent. Der EU-Durchschnitt liegt bei 51,3 Prozent.

Kinderarmut

Wie so oft, scheint auch hier Bildung der Schlüssel zum Erfolg. So weit, so ungerecht. Denn nicht nur die PISA-Studie belegt: Der Bildungserfolg eines Kindes hängt stark vom Elternhaus ab. 

Doch wie fördern, wenn man selbst wenig Förderung erlebt hat? 20,5 Prozent der Personen, deren Existenz dauerhaft nicht gesichert ist, haben keinen Abschluss. 28,7 Prozent der Hartz-IV-Bezieher haben nie eine Ausbildung beendet. Mittlere oder höhere Bildungsabschlüsse sind nur selten vorhanden. Arm an Bildung und Möglichkeit ergibt sich so ein Kreislauf, in dem arme Kinder zu armen Erwachsenen ohne Schulabschluss heranwachsen. Bis sie einmal selbst Kinder großziehen. Ihre Armut an die nächste Generation weitergeben.

Kinderarmut
Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und dauerhaft nicht gesicherten Existenzen.

Die Hoffnung diesem Kreislauf, eines Tages zu entfliehen, ist gering. So die Ergebnisse der Längsschnittstudie. Demnach gelingt Familien, die dauerhaft Leistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch beziehen, nur selten der soziale Aufstieg. Wenn, besteht die einzige Möglichkeit in der Annahme einer unterbezahlten Arbeitsstelle, bei der sie ebenfalls auf Sozialleistungen angewiesen sein werden. 

Kinder, deren Existenz weder durch Einkommen, noch Sozialleistungen abgesichert ist, sind häufig unterversorgt. Daran ändert auch Hartz IV nichts. Sie leben statistisch gesehen in einem Haushalt mit mehreren Kindern, haben oft Migrationshintergrund, ihre Mütter sind arbeitslos, alleinerziehend und leben in einer Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern. So wie ihre Kinder. Eines Tages.

Fazit

Wie lautet das Fazit, wenn es eines geben kann, geben darf? Denn ein Fazit steht meist am Ende eines Kapitels, einer Analyse. Beim Thema Kinderarmut verbietet sich jedoch ein vorzeitiges Resümee, welches allzuoft lautet: „Furchtbar, dass es vielen Kinder so ergeht“. 

Viel zu lange wurde weggeschaut, hinter Zahlen und Begriffen versteckt, das wahre Ausmaß verschleiert. Zeit, genauer hinzusehen. Nicht nur auf die Zahlen, sondern ganz konkret auf Schicksale. 

Dabei sollte es auch keine Rolle spielen, ob eine Familie nun viele oder wenige Kinder hat, ohnehin erscheint der hier, wie an andere Stelle der implizierte Vorwurf, Familien am Existenzminimum hätten selbst Mitschuld an ihrer Misere, mehr als zynisch.

Gleichgültig muss es ebenfalls sein, wie hoch der Anteil derer ist, die nicht in unserem Land geboren sind. Ja, die Flüchtlingsbewegung im Jahr 2015 hat auch zu einer deutlichen Erhöhung der Anzahl an armen Kindern geführt. Auch dies darf keine Rolle bei der Bewertung spielen, Armut mag zwar oftmals eine Adresse haben, niemals hat sie jedoch einen Pass, Farbe oder religiöse Weltanschauung. Sie ist da, und sie ist für jedes einzelne Kind ein eigenes Schicksal. 

Doch wie die Situation ändern? Dies zu beantworten, würde weit mehr an Platz einfordern, als es im Rahmen dieser Seite möglich sein könnte. 

Wenn, dann kann es sich nur um einen Prozess handeln, indem schrittweise bessere Lebensbedingungen geschaffen werden müssen. Dies kann durch eine Erhöhung des Hartz-IV-Satzes, eines Grundeinkommens, einer Existenzsicherung, die ihren Namen auch tatsächlich verdient erfolgen. 

Ein erster Schritt muss jedoch im schärferen Blick und der Realisierung des Ausmaßes der Situation von armen Menschen in unserem Land liegen. Es gilt, genauer hinzusehen. 

Ansonsten bleiben Tausende, Millionen Kinder das, was sie sind: unsichtbar.

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